Der
automobile Mythos Rolls-Royce |
Derby/Crewe
(dpa/gms) - Seit 100 Jahren sind sie nun schon durch einen Bindestrich
verbunden - die Namen Rolls und Royce. Seit 1904 steht die britische
Automarke als Inbegriff dessen, was an Luxus auf Rädern machbar
ist. Rolls-Royce, das ist Handarbeit, Exklusivität, viel Leder
und edles Holz. Doch dahinter steckt auch die Geschichte zweier gänzlich
unterschiedlicher Männer, die aus dem Nichts die Legende vom
"besten Auto der Welt" schufen. Eine Geschichte, die neben
vielen Höhepunkten auch einiges an Tragik enthält.
Es war der 4. Mai 1904, als sich Charles Stewart Rolls und Frederick
Henry Royce erstmals trafen. Und die Vergangenheit der Männer,
die sich an diesem Tag im "Midland Hotel" im britischen
Manchester begegneten, konnte verschiedener kaum sein: der begüterte
Aristokratensohn Rolls auf der einen Seite, auf der anderen Selfmademan
Royce.
Im Jahr 1863 geboren, wuchs Royce als fünftes Kind von James
Royce und Mary King in Armut auf. Schon im Alter von zehn Jahren musste
er Geld dazu verdienen, verkaufte Zeitungen, war später Telegramm-Bote.
Das Schicksal wendete sich, als eine Tante ihn als Lehrling beim Eisenbahnhersteller
Great Northern Railway Works unterbrachte. Dort entdeckte man Royces
Naturtalent für den Maschinenbau. Nach einigen Stationen bei
weiteren Firmen schaffte er es, im Alter von 21 Jahren mit einem Freund
eine eigene Firma zu Gründen: F. H. Royce & Co. in Manchester
fertigte Elektro-Komponenten wie Türklingeln oder Dynamos.
Charles
Stewart Rolls wurde 14 Jahre später als Royce im Jahr 1877 geboren
- als dritter Sohn von Lord und Lady Llangattock. Er studierte in
Cambridge Maschinenbau und nahm mit allem, was sich irgendwie bewegte,
an Rennen Teil - Fahrräder, Motorräder und eben Autos. 1902
wurde Rolls Autohändler: Er eröffnete C.S.Rolls & Co.
in London. Allerdings gab es da eine Sache, die ihn wirklich ärgerte:
Die Autos, die er verkaufte, waren allesamt Importe. Großbritannien
war seinerzeit noch "Entwicklungsland" in Sachen Automobilbau.
Nebenbei brach Rolls 1903 mit Tempo 150 den Geschindigkeits-Weltrekord.
Auch Royce machte seine Erfahrungen mit Import-Autos. Im Laufe der
Jahre hatte er es zu einigem Wohlstand gebracht. Seine Firma wurde
1894 zur Aktiengesellschaft, baute auch Elektro-Motoren und elektrische
Kräne. Interessiert an neuer Technik, schaffte er sich einen
Gebrauchtwagen an - einen französischen Decauville. Alsbald jedoch
war der ewige Tüftler von der Unzuverlässigkeit und den
groben Manieren der Neuerwerbung genervt. Royce begnügte sich
nicht damit, sein Auto zu verbessern. Er baute sein eigenes Fahrzeug.
Da die Jungfernfahrt problemlos verlief, baute Royce zwei weitere
Autos - eines für seinen Kompagnon Ernest Claremont und eines
für seinen Freund Henry Edmunds. Letzterer war von seinem Fahrzeug
so begeistert, dass er einem anderen Freund davon berichtete. Dieser
Claude Johnson war der Partner von Herrn Rolls.
Es folgte das erste Zusammentreffen von Rolls und Royce. Nach einer
Probefahrt mit dem Royce-Auto zeigte sich nun auch Rolls begeistert.
Zudem verstanden sich der 41-jährige Aufsteiger und der gerade
27 Jahre alte Aristokrat überraschend gut. Man wurde sich nicht
nur einig, dass Rolls alle Autos verkaufen würde, die Royce bauen
konnte. Außerdem sollten die Wagen als Rolls-Royce Motor Cars
vermarktet werden. Schon im Dezember 1904 stellte sich die Firma mit
Zwei-, Drei- und Vierzylinder-Modellen auf dem Pariser Autosalon vor.
Den
eigentlichen Mythos der Marke begründete dann aber ein Auto,
das 1906 präsentiert wurde. Anfangs hieß das Modell schlicht
40/50 H.P. Das zwölfte produzierte Auto allerdings rollte komplett
in Silber auf die Straße. Die Oberflächen waren entweder
in dieser Farbe lackiert oder versilbert. Schnell wurde das glänzende
Stück unter dem Namen Silver Ghost bekannt, so dass bald die
gesamte Baureihe diese Bezeichnung erhielt.
Mittlerweile war Claude Johnson ein Manager des Unternehmens und tat
sich auch als Werbe-Profi hervor. Ihm wird die Ankündigung zugeschrieben,
dieser neue Sechszylinder-Rolls-Royce sei nicht eines der besten,
sondern das beste Auto der Welt. Die zweite Hälfte des Satzes
sollte bis heute untrennbar mit der Marke verbunden bleiben. Dass
auch etwas daran war, stellte der Silver Ghost eindrucksvoll unter
Beweis: Er legte bei einer Fahrt ohne Pause und ohne Panne 20 000
Kilometer zurück, was damals schier unglaublich war.
Dem Duo Rolls und Royce blieb jedoch nicht viel Zeit, sich gemeinsam
über die wachsenden Erfolge zu freuen. Rolls hatte sich mit seiner
Lust an der Geschwindigkeit dem Fliegen zugewandt. Er schaffte es
damit auf zwei völlig unterschiedliche Weisen in die Geschichte
einzugehen. So war er der erste Mensch, der den Ärmelkanal in
beide Richtungen überflog. Wenig später machte er Schlagzeilen
als erster Brite, der bei einem Flugzeugunglück starb. Am 12.
Juli 1910 stürzte Rolls bei einer Flugschau ab, er wurde nur
32 Jahre alt.
So
erlebte er nicht einmal mehr die Schaffung des Wahrzeichens von Rolls-Royce
im Jahr 1911. Über John Scott Montagu, einen Freund von Rolls
und Johnson, bekam Royce Kontakt zu dem Künstler Charles Sykes.
Der sollte eine Art Maskottchen gestalten, das die Qualität der
Marke widerspiegelt. Sykes dachte nach, ließ Montagus Sekretärin
Eleanor Thornton Modell stehen und schuf die berühmte Kühlerfigur
mit den ausgebreiteten Armen - "The Spirit of Ecstasy".
Mittlerweile war die Firma in ein neues Werk nach Derby umgezogen.
Und bei Royce machten sich die Spuren Jahrzehnte langer Schufterei
bemerkbar - er wurde immer kränklicher. Wegen der besseren Witterung
verbrachte er einen großen Teil der Zeit an der französischen
Riviera. Den zweiten Umzug der Autoproduktion in das legendäre
Werk in Crewe im Jahr 1947 erlebte auch Royce nicht mehr. Er starb
1933. Doch der Mythos der Namen ist bis heute ungebrochen. |
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