Das London Sherlock Holmes

Ein Mann ist nicht totzukriegen: Nach der Queen und Madame Tussaud rangiert Meisterdetektiv Sherlock Holmes an dritter Stelle der »Most Famous Londoners«. Eine Romanfigur beliebter als Prince Charles und Admiral Nelson, Wellington und Sir Henry Tate! Shocking!
Oder auch wieder nicht. Denn mit Sherlock Holmes verbindet man noch immer das vermeintlich typische London: Nebel und Mysterium, viktorianische Gassen-Labyrinthe und einen in traditionelles Tweed gekleideten Gentleman, der Pfeife rauchend vor dem Kamin sinniert. London ist Sherlock Holmes ist London - daran hat sich in den letzten hundert Jahren nichts geändert.
Selbst im digitalen Zeitalter hat er seinen Platz:
Wenn man heute im Internet nach Sherlock Holmes sucht, spuckt das Datenlabyrinth auf Anhieb knapp 10.000 gefundene Stellen aus. 10.000! Sicher - die Lektüre von »In Bed with Sherlock Holmes: Sexual Elements in A.C. Doyie's Stories« will man nicht unbedingt auf der Festplatte haben, und wer sich um alles in der Welt für eine siebenundzwanzigseitige Reportage über den Pfeifenstil des Meisterermittlers interessiert, sei auch einmal dahingestellt. Aber immerhin: Dutzende ehrenwerte Londoner Sherlock-Holmes-Gesellschaften werben um Mitglieder, Professoren aus aller Welt verfassen verschlüsselt-verworrene Essays und selbst der Londoner »Sherlock Holmes Pub« hat seine eigene Internet-Seite.

 
 
Sherlock Holmes PubDabei ist Sherlock Holmes seit 1893 tot. Eigentlich. Da ließ ihn sein Erschaffer Arthur Conan Doyle in »The Final Problem« kurzerhand ums Leben kommen, um sich »fortan der seriösen Schriftstellerei zu widmen«. Dann wurde er allerdings so sehr mit Beschimpfungen und Drohbriefen bedacht, dass er den Meisterdetektiv wieder zum Leben erweckte. Und ihn in den nächsten Jahren weitere Fälle lösen ließ.
1887 war die erste Sherlock Holmes-Geschichte erschienen, und seitdem wandelte Holmes mit dem getreuen Watson im Schlepptau durch ein London, das er wie seine Westentasche kannte. Regent's Park, Royal Botanic Gardens Kew und Grand Union Canal: Wenn Holmes-Fans in London auf Spurensuche gehen, halten sie sich vornehmlich im Grünen auf. Schließlich brauchte auch Holmes Ruhe zum Nachdenken.
221 B Baker Street, heute die Büroadresse der Abbey National Bank, ist natürlich erstes Ziel eines jeden Holmes-Pilgers. Ein paar Jahre lang machte man sich hier den Werbeeffekt der legendären Adresse zunutze und stellte anrufe für Holmes in dessen "Sekretariat" durch: Mr. Holmes, so teilte eine eigens für diesen Zweck abgestellte Mitarbeiterin mit, habe sich in ein Landhaus bei Sussex zurückgezogen und möchte nicht gestört werden. Ein paar Häuser weiter die Baker Street hinauf nummerierte man kurzerhand die Häuser um, damit man hier ein eher zweifelhaftes Sherlock-Holmes-Museum einrichten konnte. Die Touristen stört es nicht, das die eigentliche 221 B Baker Street wo anders liegt.
Ob sich Sherlock Holmes im heutigen London noch wohl fühlen würde? Man kann sich eine ganze Reihe Antworten denken: »It is art for art's sake« beispielsweise, oder »It is the Second most interesting object I have seen«, oder einfach nur »The fates are against you, Watson«. Vielleicht würde er angesichts der hochgerüsteten britischen Polizei aber auch nur gelegentlich mit Bond, James Bond, in der Kantine des MI5 treffen.
»Cut out the poetry, Watson!«
 
13.05.2007 © www.virtualtwilight.de