Auf den Spuren Jack the Rippers durch London
Die Schatten des victorianischen Londons

Constable findet erste LeicheEin grauenhafter Schrei zerreißt die Nacht. In einer dunklen Gasse sticht ein Unbekannter immer wieder auf eine Prostituierte ein. Der Name der Prostituierten ist Mary Nichols.
Windböen treiben graue Wolkenstreifen über den Nachthimmel, der durch ein Feuer in den nahen Docklands immer wieder rot aufleuchtet. In den Seitenstraßen rund um die Whitechapel High Street packen Männer ihre übriggebliebenen Waren auf morsche Holzkarren. Es beginnt zu regnen, so dass sich matschige Tomaten, Salatblätter und Kohlköpfe mit dem Dreck der regennassen Straße nischen. Der normale Abfall eines Markttages. vereinzelte Gaslaternen spenden trübes Zwielicht. In der Nähe der weißen Kirche, die dem Viertel Whitechapel seinen Namen gab, laufen in Wollkleider gehüllte Frauen frierend auf und ab. Aus dem berüchtigten "Ten Bells"-Pub dröhnt Gelächter auf die Straße, halb gefüllte Pint-Gläser werden hart auf der Theke abgestellt, die schweren Stiefel der Werftarbeiter knallen über die Holzdielen.
Die beiden Stadtteile Whitechapel und Spitalfield liegen keine Meile von der glamorösen City of London entfernt, doch hier ist alles anders. Gerade mal vier Pennies kostet hier im East End der Sex, und die Prostitution ist für viele Frauen die einzige Chance zu überleben. Das East End ist das Armenviertel der reichsten Stadt des 19. Jahrhunderts, des victorianischen Londons.
Der Unbekannte dreht sich von seinem Opfer weg und geht gelassen die dunkle Gasse hinunter. Seine Spur verliert sich in der Nacht des 31. Augusts 1888.

 
Auf Spurensuche im Londoner East End

Hausdurchgang im Eastend"Welcome back to the future!" Unser Guide der Ripping Yarns Walking Tour, John Kenny, deutet auf die Leuchtschrift mit den gelben Bögen auf rotem Grund. "McDonalds is anywhere!" An der Ecke zur Middlesex Street endet unsere Spurensuche nach Jack the Ripper.
Hinter und liegt eine etwa zweistündige Zeitreise ins Londoner East Ends des Jahres 1888, wo der Serienmörder Jack the Ripper vom 31. Auguat bis zum 9. November Angst und Schrecken verbreitete. Der erste Serienkiller der Neuzeit brachte insgesamt fünf Prostituierte auf grausame Weise um, seine wahre Identität ist bis heute ungeklärt. Theorien über Jack the Ripper gedeihen seit damnals prächtig, und verschiedene Veranstalter nutzen dies und bieten Tag für Tag Ripper-Touren durch das alte East End an. Morbide Neugierige treffen sich allabendlich an der U-Bahn-Station Tower Hill, um die Schauplätze der Greueltaten abzuklappern und Vermutungen, Verdächtigungen und Kurioses über die Ripper-Morde zu hören.
Es ist die etwas andere Tour durch London. Anwohner von Londons East End treffen täglich auf schaulustige Touristen, die auf der Fährte von Jack the Ripper im "Ten Bells" absteigen. Auch Johnny Depp, der im Film "From Hell" mitspielt, hat im Jack the Ripper Pub bereits einige Pints getrunken. So künden es zumindest Fotos und Zeitungsausschnitte an der Wand.
113 Jahre später stehen wir an der Stelle, an der das erste der fünf Opfer von Jack the Ripper gefunden wurde. Mary Nichols ist übel zugerichtet und liegt am Straßenrand vor einem Holztor in der Bruck's Row. Das Holztor ist heute durch ein Eisentor ersetzt. Doch die schmale Gasse mit den eng aneinander gedrängten Häusern sieht noch immer aus wie auf der Zeichnung, die uns Tourführer John unter die Nasen hält. Ein Streichholz flammt auf. Der Mann mit Zylinder beugt sich über die schwarz-weiße Leiche, graues Blut quillt aus einer tiefen Wunde am Hals.
John stellt seine Umhängetasche in eine Ecke. "Stellt euch vor: Ungefähr dort war der Kopf von Mary Nichols", wirkungsvoll patscht er auf die Tasche, "ihre Füße lagen etwa hier." John macht einen Schritt nach rechts. Um der Phantasie zusätzliche Anhaltspunkte zu geben, reicht er Fotos aus dem vorletzten Jahrhundert und Zeichnungen der Opfer herum. Das ganze ist nichts für zarte Gemüter. Im Londoner Dungeon, einem Museum der morbiden Art, sind die Taten des Rippers mit Wachsfiguren nachgestellt, wobei an blutigen Details nicht gespart wurde. Doch gegen John und seine Fotomappe kommen die besten Gruseleffekte nicht an. Hier wirkt die Realtität.

 
 
Der erste Serienmörder der Moderne
Hinterhof im Eastend um 1900Die Brutalität des Mordes schockiert damals ganz London. Als der Wahnsinnige nur eine Woche später ein zweites Mal zuschlägt, breitet sich die Nachricht rasant über das ganze Land aus. Der "Herbst des Terrors" werden die Wochen der Serienmorde schnell genannt.
Briefe tauchen auf. Sie sind mit roter Tinte geschrieben und unterzeichnet von "Jack the Ripper". "Ich vermute, dass die Briefe von der damaligen Presse verfaßt worden sind. Damit war die Sensation perfekt." John zupft sich am grauen Bart. "Jack hieß damals jeder zweite in England. Dennoch hat sich der Name festgesetzt." Und ist zum Synonym für den ersten Serienmörder der Moderne geworden. So wurde man schon damals von der Presse manipuliert.
Zwei Stunden wandern wir durch die Straßen des East Ends, die durch den Schlitzer zu zweifelhafter Berühmtheit gelangt sind. Mitte des 17. Jahrhunderts wird die Industrie in Londons Osten ausgelagert. Im Westen der Stadt frönen die Einwohner dem gehobenen Lebensstandard, während die Menschen im Osten verzweifelt versuchen, Arbeit zu finden - ob in den Fischfabriken, Schlachthöfen, Brauereien oder den Ziegeleien. John zeichnet auf der Tour gleichzeitig ein Bild des victorianischen Londons, das trotz der Modernisierung noch in einigen der zum Teil bis zu 200 Jahre alten Häuser wiederzuerkennen ist. Heute leben im East End Künstler und Arbeiter, Börsenmakler und Emigranten nebeneinander. Trendige Galerien tauchen zwischen indischen Restaurants auf und die Straßen sind durchzogen vom Duft des Currys. Die verglasten Hochhäuser der Liverpool Street, Finanzmeile Londons, ragen hinter lehmbraunen Backsteinhäusern empor. Hellerleuchtete Dachateliers erwecken Neid. "Yuppisierte Wohnungen ", nennt sie John und klopft mit seiner Pfeife an eine frisch getünchte Hauswand. Aus einer ehemaligen Suppenküche in der Dorset Street sind Luxusappartements entstanden. Nicht weit entfernt wird die 25jährige Mary Kelly in einem Hinterhof blutüberströmt aufgefunden. Sie ist tot. Jack the Ripper hat das fünfte Mal zugeschlagen.
 
Wer Jack the Ripper ein Prinz?
Doch wer war Jack the Ripper? Über 100 Jahre später ist die Frage noch immer ungeklärt und wir finden auch im Pub "Ten Bells" keine Antwort.
Eine zeitlang hieß die Kneipe "Jack the Ripper", weil alle Mordopfer - und vielleicht der Unbekannte selber - regelmäßig hier verkehrten. Heute scheint die Bar ausschließlich für die Tour-Touristen zu sein: Zeitungsausschnitte und Fotos der damaligen Zeit zieren die Wände. Auf einem Regal hinter dem Tresen steht ein Foto von Hollywood-Star Johnny Depp, das Barkeeper James stolz zeigt. In der Verfilmung des Comics "From Hell" über Jack the Ripper spielt Depp Scotland Yard Inspektor Abberline, der die Whitechapel Morde untersuchte. Während der Dreharbeiten zu dem Film, der im Februar 2002 anläuft, war der Schauspieler auf Spurensuche vor Ort.
An der vergilbten Tapete der Kneipe hängen Verdächtige des Ripper-Falls - einigen von ihnen wird Johnny Depp auf den Fersen sein. Als Favorit gilt bei vielen der Rechtsanwalt M. J. Druitt. Er wurde wenige Wochen nach dem fünften Mord tot aus der Themse gefischt. Allerdings gibt es keine konkreten Anhaltspunkte, die auf ihn als Mörder schließen lassen. Der berühmteste Verdächtige war der älteste Sohn von König Edward VII: Prinz Albert Victor Christian Edward, kurz Eddy genannt. Der erste Verdacht keimte jedoch erst Jahrzehnte später - 1962. Die Theorie: Seine Syphiliserkrankung trieb ihn in den Wahnsinn und die wiederum zu den Morden. "Oder wie wäre es mit folgender Vermutung: Habt ihr schon mal daran gedacht, dass Jack auch eine "Jill" gewesen sein könnte?" John kramt in seinem Repertoire der Tatverdächtigen. Doch auch diese Idee läßt Tour-Teilnehmer Craig aus Neuseeland unbeeindruckt, er hegt seinen eigenen Verdacht. "Letztendlich kann es doch auch ein völlig Unbekannter gewesen sein, der eines Tages im November 1888 beim Duschen ausgerutscht ist und sich den Hals gebrochen hat."
Unser Tourguide grinst in sein Glas. "Die Leute mögen es, sich ihre eigenen Theorien zusammen zu spinnen." Nicht umsonst soll es mittlerweile rund 80 Theorien zu dem Fall geben. Jeder will Licht ins Mysteriöse bringen, der erste sein, der das entscheidende Puzzleteil findet - egal wie viele Jahrzehnte später.
 
Eine Auswahl der Ripper-Touren in London
St. Mary's Church in WhitechapelThe Ripping Yarns Tour
Täglicher Treffpunkt 18.45 U-Bahn Station Tower Hill
Tel. 0044 20 7488 2414

The Original London Walks
Täglicher Treffpunkt 19.30 Uhr U-Bahn Station Tower Hill
Tel. 0044 20 7624 3978 oder 020 7794 1764

Mystery Walks
Treffpunkt an der U-Bahn Station Aldgate
Mittwoch und Sonntag 20 Uhr
Tel. 0044 20 8558 9446 oder 07957 388 280

Discovery Walks
On the trail of Jack the Ripper
Termine nur nach Absprache
Tel. 0044 20 8530 8443

Die Touren kosten zwischen 4 und 5 Pfund pro Person.

Informationen über den Fall Jack the Ripper im Internet

www.casebook.org
Sehr ausführlich. Unter anderem sind auf der Website zu finden: die Ripper-Briefe, offizielle Dokumente, Presseberichte sowie Hintergrundinformationen über das viktorianische London.

Casebook: Jack the Ripper

www.crimelibrary.com
Auch hier sind Hintergrundinformationen zu dem Fall zu finden, u.a. über die Opfer und die Verdächtigen.

 
13.05.2007 © www.virtualtwilight.de