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Die Themse, der Gezeitenfluss, füllt sich in ewigem Rhythmus
mit der Flut und entleert sich mit der Ebbe. London saugt jeden
Morgen aus den umhegenden home counties" zwei Millionen
Pendler ein und speit sie abends wieder aus. Zusätzlich zu
den rund sieben Millionen Einwohnern ist das eine Menge Mensch:
Die Massen strömen durch die engen Straßen, an ein
Verweilen ist nicht zu denken, alles denkt nur: vorwärts,
vorwärts!
Kein Zweifel: Der Verkehr ist sicherlich eine der hässlichsten
Seiten an London. Wer sich der U-Bahn anvertrauen will - die älteste
und größte der Welt, aber sie rumpelt von einer Krise
in die andere - hat schon sein erstes London-Abenteuer gebucht.
Über vermüllte Treppenstufen muss man in ein dunkles
Loch hinabsteigen, sich vor den Ticket-Sperren aufreihen, die
Rolltreppe weiter hinunter nehmen, durch enge, verwinkelte Gänge
hetzen, eine schwere und schimmelige Schwüle - wohl der Nähe
zur Hölle wegen - aushallen, sich in die überfüllten
Wagons quetschen, und wenn man aussteigt, darf man die ganze Prozedur
in umgekehrter Reihenfolge wiederholen.
Auch Bus zu fahren ist kein Vergnügen, selbst wenn man einen
Platz auf dem Oberdeck ganz vom erwischt. Denn Londons Straßen
sind notorisch verstopft. Verkehrsforscher haben es ausgerechnet:
Das Durchschnittstempo soll elf Meilen in der Stunde betragen
Aber das glaubt keiner, der schon ein Mal im Doppeldecker durch
die Oxford Street geschlichen ist.
Ist London schön? Manchmal, wenn das Wetter mitspielt, vermittelt
Holland Park mit seinen alten Kastanien und Wiesen eine solch
satte Zufriedenheit mit dem Leben, dass man seinen Frieden mit
diesem Moloch von Stadt finden könnte. Der majestätische
Blick vom Südufer der Themse auf das Parlament hin, die magnolienweißen
Fassaden am Queensway" im letzten Abendlicht oder auch
das bauliche Ensemble der City, in der sich von romanischer Kirche
bis zum supermodernen High-Tech-Tower genug finden ließe,
um eine komplette Architekturgeschichte zu illustrieren - all
das sind Momente, in denen London tatsächlich seine eigene
Schönheit, seine spezifische Ästhetik erlangt. Aber
im Grunde lässt sich das Wesen dieser Metropole nicht durch
etwas Statisches wie Architektur erfassen. Dafür ist London
viel zu sehr eine Stadt des Wandels und des Werdens. Ihr dynamischer
Charakter drückt sich eher im Gewimmel der Portobello Road.
im quirligen Nachtleben von Soho oder in der übergeschnappten
Straßenkultur von Camden Town aus. Womit wir wieder beim
buzz" wären: Hier brummt das Leben, hier findet
sich, was junge Leute aus ganz Europa elektrisiert. Nein, besonders
schön ist Lon-don nicht, aber lebendig.
Und natürlich ist fürs Amüsement gesorgt. Über
hundert große Theater- und Musicalbühnen - die meisten
davon unsubventioniert - bietet die Stadt. Allein die 50 West-End-Bühnen
ziehen im Jahr ca. zwölf Millionen Besucher an. Das bedeutet,
das sich jede Nacht rund 30000 Menschen die eine oder andere West-End-Show
anschauen! Unter den knapp 8000 Restaurants der Metropole lassen
sich die ausgefallensten Spezialitätenküchen finden
- von australisch bis Zululand. Nach der kulinarischen Revolution
der 80er Jahre weist heute London mehr Michelin-Steme als Paris
auf. Gourmets pilgern zu Gordon Ramsays Claridge's",
Michel Roux's Le Gavroche" oder Marco Pierre Whites
Mirabelle", chinesische oder japanische Millionäre
fliegen schnell mal auf einen Sprung ein, weil hier die besten
Dim Sum" und Sushi" aufgetischt werden,
und weniger betuchte Genießer lassen sich ein Curry in den
indischen oder Thai-Restaurants schmecken.
Mit über 300 Museen und Gemäldegalerien findet sich
der Kunstliebhaber überversorgt, und nachdem ab Mitte der
90er Jahre die YBAs", die Young British Artists",
das Land an die Spitze der internationalen Avantgarde katapultierten,
ist London zum Kunst-Zentrum geworden. Im East End, zwischen Whitechapel
und Hoxton, leben heute mehr junge Künstler als irgeddwo
sonst auf der Welt. Däs Tate Modem" ist das größte
Museum für moderne Kunst in der Welt, und zieht seit seiner
Eröffnung vor drei Jahren die Besuchermassen an. Gegenüber
vom Parlament hat dieses Jahr der Mäzen Charles Saatchi seine
Galerie eröffnet, die die Highlights der BritArt"
präsentiert, von Därmen Hirst über die Chapman
Brüder bis zu Ron Mueck. Und wer es weniger modern mag, findet
die Altmeister in der National Gallery" oder in der
TAte Britain" ebenso wie bei den Kunsthändlern
in Mayfair.
"London", schrieb Ford Maddox Ford, liebt niemanden,
es braucht niemanden; es toleriert alle Typen der Menschheit."
Die Stadt ist der größte Schmelztiegel Europas und
auch der älteste. Sie hat stets Neuankömmlinge assimiliert:
Römer, Sachsen, Normannen, Iren und in späteren Zeiten
Juden aus Deutschland, Schwarze aus der Karibik und Einwanderer
vom indischen Subkontinent. Mit der Zeit werden aus allen Londoner:
Ein Menschenschlag, der manch positiven Aspekt des britischen
Charakters verdrängt hat (wie Freundlichkeit, Höflichkeit,
Zuvorkommenheit), aber dafür vor Energie birst. Wer nach
London kommt, will nicht mehr müde werden an der Stadt.
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