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London - der coolste Platz im Universum
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Der folgende Artikel von Jochen Wittmann erschien am 13. Dezember
2003 in den Kieler Nachrichten im Wochenendjournal. Er war Bestandteil
einer Reihe, in der Auslandskorrespondenten über ihre Stadt
schreiben, alle vier Wochen ein anderer Korrespondent aus einer
anderen Stadt.
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Wenn ein Mann", befand einst Samuel Johnson, müde
an London wird, ist er müde am Leben, denn es gibt in London
alles, was das Leben bieten kann". Recht hat der britische
Lichtenberg, auch wenn er sein Diktum schon vor mehr als 200 Jahren
fällte. Immer noch bietet diese größte Metropole
Europas alle Verlockungen und Sünden, alle Möglichkeiten
und Chancen, alle Abgründe und Aufstiege.
Hierhin zieht es diejenigen, die ihr Glück machen wollen,
sind doch, wie das Sprichwort weiß, die Straßen der
Stadt gepflastert mit Gold. Nichts gibt es in London, was es nicht
gibt. Von den Amerikanern ist London zum coolsten Platz
im Universum" gewählt worden, in Europa bestimmt es
seit den 90er-Jahren wieder die Trends in Kunst, Design, Musik,
Mode und Medien. Zugleich mächtiger Finanzplatz, der die
Geldströme der Welt steuert, und kulturelles Kraftwerk, das
den Ton in Sachen lifestyle" setzt, ist London heute
einer der aufregendsten Orte der Welt.
Und doch: Auch wenn man an dieser Stadt nicht müde wird,
so wird man es in ihr sehr schnell. Es ist die schiere Größe
dieser Kapitale, kombiniert mit einem unzureichenden Transportsystem
und einem mittelalterlichen Straßennetz, die dem Besucher
rasch die Füße schmerzen lassen. Und es ist gerade
jener magische buzz", die oft beschworene Energie Londons,
die den dynamischen Pulsschlag der Metropole zur stressigen Hektik
machen kann.
Die Themse, der Gezeitenfluss, füllt sich in ewigem Rhythmus
mit der Flut und entleert sich mit der Ebbe. London saugt jeden
Morgen aus den umhegenden home counties" zwei Millionen
Pendler ein und speit sie abends wieder aus. Zusätzlich zu
den rund sieben Millionen Einwohnern ist das eine Menge Mensch:
Die Massen strömen durch die engen Straßen, an ein
Verweilen ist nicht zu denken, alles denkt nur: vorwärts,
vorwärts!
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Kein Zweifel: Der Verkehr ist sicherlich eine der
hässlichsten Seiten an London. Wer sich der U-Bahn anvertrauen
will - die älteste und größte der Welt, aber sie
rumpelt von einer Krise in die andere - hat schon sein erstes London-Abenteuer
gebucht. Über vermüllte Treppenstufen muss man in ein
dunkles Loch hinabsteigen, sich vor den Ticket-Sperren aufreihen,
die Rolltreppe weiter hinunter nehmen, durch enge, verwinkelte Gänge
hetzen, eine schwere und schimmelige Schwüle - wohl der Nähe
zur Hölle wegen - aushallen, sich in die überfüllten
Wagons quetschen, und wenn man aussteigt, darf man die ganze Prozedur
in umgekehrter Reihenfolge wiederholen.
Auch Bus zu fahren ist kein Vergnügen, selbst wenn man einen
Platz auf dem Oberdeck ganz vom erwischt. Denn Londons Straßen
sind notorisch verstopft. Verkehrsforscher haben es ausgerechnet:
Das Durchschnittstempo soll elf Meilen in der Stunde betragen Aber
das glaubt keiner, der schon ein Mal im Doppeldecker durch die Oxford
Street geschlichen ist.
Ist London schön? Manchmal, wenn das Wetter mitspielt, vermittelt
Holland Park mit seinen alten Kastanien und Wiesen eine solch satte
Zufriedenheit mit dem Leben, dass man seinen Frieden mit diesem
Moloch von Stadt finden könnte. Der majestätische Blick
vom Südufer der Themse auf das Parlament hin, die magnolienweißen
Fassaden am Queensway" im letzten Abendlicht oder auch
das bauliche Ensemble der City, in der sich von romanischer Kirche
bis zum supermodernen High-Tech-Tower genug finden ließe,
um eine komplette Architekturgeschichte zu illustrieren - all das
sind Momente, in denen London tatsächlich seine eigene Schönheit,
seine spezifische Ästhetik erlangt. Aber im Grunde lässt
sich das Wesen dieser Metropole nicht durch etwas Statisches wie
Architektur erfassen. Dafür ist London viel zu sehr eine Stadt
des Wandels und des Werdens. Ihr dynamischer Charakter drückt
sich eher im Gewimmel der Portobello Road. im quirligen Nachtleben
von Soho oder in der übergeschnappten Straßenkultur von
Camden Town aus. Womit wir wieder beim buzz" wären:
Hier brummt das Leben, hier findet sich, was junge Leute aus ganz
Europa elektrisiert. Nein, besonders schön ist Lon-don nicht,
aber lebendig.
Und natürlich ist fürs Amüsement gesorgt. Über
hundert große Theater- und Musicalbühnen - die meisten
davon unsubventioniert - bietet die Stadt. Allein die 50 West-End-Bühnen
ziehen im Jahr ca. zwölf Millionen Besucher an. Das bedeutet,
das sich jede Nacht rund 30000 Menschen die eine oder andere West-End-Show
anschauen! Unter den knapp 8000 Restaurants der Metropole lassen
sich die ausgefallensten Spezialitätenküchen finden -
von australisch bis Zululand. Nach der kulinarischen Revolution
der 80er Jahre weist heute London mehr Michelin-Steme als Paris
auf. Gourmets pilgern zu Gordon Ramsays Claridge's",
Michel Roux's Le Gavroche" oder Marco Pierre Whites Mirabelle",
chinesische oder japanische Millionäre fliegen schnell mal
auf einen Sprung ein, weil hier die besten Dim Sum" und
Sushi" aufgetischt werden, und weniger betuchte Genießer
lassen sich ein Curry in den indischen oder Thai-Restaurants schmecken.
Mit über 300 Museen und Gemäldegalerien findet sich der
Kunstliebhaber überversorgt, und nachdem ab Mitte der 90er
Jahre die YBAs", die Young British Artists",
das Land an die Spitze der internationalen Avantgarde katapultierten,
ist London zum Kunst-Zentrum geworden. Im East End, zwischen Whitechapel
und Hoxton, leben heute mehr junge Künstler als irgeddwo sonst
auf der Welt. Däs Tate Modem" ist das größte
Museum für moderne Kunst in der Welt, und zieht seit seiner
Eröffnung vor drei Jahren die Besuchermassen an. Gegenüber
vom Parlament hat dieses Jahr der Mäzen Charles Saatchi seine
Galerie eröffnet, die die Highlights der BritArt"
präsentiert, von Därmen Hirst über die Chapman Brüder
bis zu Ron Mueck. Und wer es weniger modern mag, findet die Altmeister
in der National Gallery" oder in der TAte Britain"
ebenso wie bei den Kunsthändlern in Mayfair.
"London", schrieb Ford Maddox Ford, liebt niemanden,
es braucht niemanden; es toleriert alle Typen der Menschheit."
Die Stadt ist der größte Schmelztiegel Europas und auch
der älteste. Sie hat stets Neuankömmlinge assimiliert:
Römer, Sachsen, Normannen, Iren und in späteren Zeiten
Juden aus Deutschland, Schwarze aus der Karibik und Einwanderer
vom indischen Subkontinent. Mit der Zeit werden aus allen Londoner:
Ein Menschenschlag, der manch positiven Aspekt des britischen Charakters
verdrängt hat (wie Freundlichkeit, Höflichkeit, Zuvorkommenheit),
aber dafür vor Energie birst. Wer nach London kommt, will nicht
mehr müde werden an der Stadt. |
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Jochen Wittmann wurde 1961 in Haltern/Westfalen geboren,
studierte in Münster Germanistik, Philosophie und Publizistik.
Brach seine Promotion über Die Blechtrommel" von
Grass 1991 ab, als sich die Chance zu einem Redaktionsvolontariat
bot. Er arbeitete später als freier Kulturkorrespondent in
Berlin, ab 1993 als freier Auslandskorrespondent in Großbritannien
- unter anderem für die Kieler Nachrichten.
Jochen Wittmann gehört seit 1994 zum Sprecherkreis der Deutschen
Botschaft in London. Er ist verheiratet und hat eine zweijährige
Tochter. |
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